Von der Steinzeit bis heute - die Geschichte
von Gellep-Stratum im kurzen Überblick

Wissenswertes, nicht nur für „Neu-Gellep-Stratumer“
 
Sicher bekannt ist, durch eine Schrift des römischen Geschichtsschreibers Tacitus, dass Gelduba am Niederrhein in den Kämpfen der Römer und Germanen in den Jahren 69 und 70 n. Chr. eine Rolle spielte. Die von Tacitus beschriebenen Kämpfe werden später als Bataveraufstand in die Geschichte eingehen. Das von Tacitus genannte Lager Gelduba, unter der Führung von Vocula, wurde in den folgenden Jahrhunderten von den Römern zum Kastell ausgebaut.
Der unrömische Name Gelduba war möglicherweise schon vor Ankunft der Römer gebräuchlich. Warum aber Gelduba, anders als Bonn, Neuss, Köln oder Xanten, die aus römischen Niederlassungen bzw. Kastellen entstanden und sich später zu bedeutenden Städten entwickelten, im 6. Jahrhundert im Dunkel der Geschichte versank, ist bis heute nicht geklärt. Aus dem Gelduba des Altertums wurde das Geldapa, Gelphe, Geylphe und Gelpe des Mittelalters und später Gelb bzw. Gellep.
Für Stratum ist eine genaue Altersbestimmung schwieriger. Schriftliche Quellen nennen den Ort erst im späteren Mittelalter. Der Name weist allerdings darauf hin, dass der Ort bereits im frühen Mittelalter bestanden haben muss. Stratum hieß vor 700 Jahren Stratheim. Das bedeutet „Heim an der Strasse“. Die alte Römerstrasse von Köln über Neuss nach Xanten war hier möglicherweise namensgebend. Das Wort „Heim“ in diesem Namen deutet aber darauf hin, dass Stratum wesentlich älter ist. Untersuchungen haben ergeben, dass die meisten „Heim“ – Orte in die Völkerwanderungszeit in das 5.- 6. Jahrhundert n.Chr. zurückgehen, weil im ganzen germanischen Siedlungsraum dieses Wort zur Bezeichnung von Ansiedlungen gebräuchlich war. Geht man über die überlieferten Urkunden hinaus und folgt den Bodenfunden, dann wachsen beide Orte – unter welchen Namen ist leider nicht bekannt – über ein Alter von 2000 bzw. 1500 Jahre weit hinaus.
Wie viele Bodenfunde durch Baggerarbeiten und durch moderne Grabräuber verloren gingen, kann heute nur schwer beurteilt werden. Sicher aber haben die Bauarbeiten im Rahmen der Hafenerweiterung des Uerdinger-Rheinhafens viele archäologische Schätze für immer zerstört.

Es ist unbestritten, dass auf dem heutigen Areal von Gellep-Stratum bereits in der Steinzeit (um 3000 v. Chr.) Menschen siedelten. Diese Besiedlung wurde bis in unsere Zeit kaum unterbrochen. Funde aus der Stein-, Eisen- und Bronzezeit geben davon Zeugnis. Man darf somit behaupten, dass sich am Niederrhein keine zweite Landschaft findet, die eine gleiche mehr oder weniger zusammenhängende Siedlungsfolge aufweist. Was diese frühen Siedler hierher zog, war möglicherweise der große Strom mit seinen Zuflüssen und die hochwasserfreie Dünenkuppe. Hier fanden sie, vor winterlichen Hochwassern geschützt und umgeben von fruchtbarem Acker- und wildreichem Waldland, eine günstige Bleibe. Zahlreiche Steinbeilfunde und auch einzelne Gefäßfunde beweisen die Anwesenheit von Menschen bereits in der jüngeren Steinzeit. Funde aus der Bronzezeit (2000 – 1000 v. Chr.) sind, wie am gesamten Niederrhein, nur sehr vereinzelt gemacht worden. In der Eisenzeit (1000 v. Chr.) wurde die Besiedelung dichter, davon zeugen zahlreiche Grabfunde auf dem Gräberfeld vom Heidberg in Stratum. Dieses Gräberfeld wurde noch in der mittleren Eisenzeit (500 v. Chr.) benutzt. Bemerkenswert sind Funde aus der jüngeren Eisenzeit (um 100 v. Chr.) vom Heidberg, die uns die erste sichere Kunde von der Anwesenheit germanischer Siedler in Gellep-Stratum bringen.
 
Um Christi Geburt erscheinen die ersten Römer in Gellep. Ihre Anwesenheit zur Zeit des römischen Kaisers Augustus beweisen Grabfunde. Die vorzügliche Lage dürfte auch für die Römer Grund gewesen sein, hier zu lagern und später ein Kastell zu errichten. Zu der hochwasserfreien Lage bildete der Rhein im Osten und ein Rheinzulauf im Norden zusätzlichen Schutz vor etwaigen Angreifern. Die heutige Situation ist allerdings anders als zur Zeit der Römer. Der Rheinzulauf im Norden, der später Mühlenbach genannt wurde, ist längst zugeschüttet und das Flussbett des Rheins hat sich in den vergangenen Jahrhunderten um ca. 800 Meter nach Osten verlagert. Das von den Römern erbaute Kastell lag somit unmittelbar am Rhein. Vermutlich lag in diesem Winkel zwischen Mühlenbach und Rhein auch die früheste römische Siedlung.
Nach heutigem Wissen ist der Platz Gelduba von den Römern bis zum Ende ihrer Herrschaft am Anfang des 5. Jahrhunderts gehalten worden. Das bestätigen Tausende von Gräbern aus dieser Zeit.
Die ausführlichen Schilderungen des Cornelius Tacitus, römischer Schriftsteller und Geschichtsschrei- ber, der in den Historien, 4. Buch Cap. 26,27,32,33 und 35, über den Verlauf des Bataverkrieges im Jahre 69 n. Chr. geschrieben hat, haben es möglich gemacht, Gellep-Stratum als das alte Gelduba der Römer zu identifizieren. Bei späteren römischen Schriftstellern wird der Name Gelduba nicht mehr erwähnt. Noch einmal wird er in dem Antoninischen Itinear, einem Reisestreckenbuch des 3. Jahrhunderts, gebraucht. Über 500 Jahre schweigen danach die Geschichtsquellen über unseren Ort. Man könnte glauben, dass er entweder völlig bedeutungslos wurde oder gänzlich unterging. Die großen Gräberfunde aber zeigen, dass Gelduba die Stürme zum Ausgang der Römerzeit überstand und in der fränkischen Zeit weiterlebte. An die spätrömischen Gräber des 4. Jahrhunderts schließen sich die frühfränkischen Gräber des 5. Jahrhunderts. Die vielen Gräber, spätrömische wie frühfränkische, reden eine unmissverständliche Sprache. Sie enthüllen in ihren Beigaben den Übergang vom Römertum zum Frankentum und verraten den beginnenden Einfluss des Christentums. Sie zeigen uns heute viele Details über damalige Sitte, Tracht, Brauchtum und Bewaffnung. Dennoch bleiben viele Fragen offen!
Warum nennen spätrömische Quellen Gelduba nicht mehr?
Warum herrscht in der Frankenzeit in Gellep fast ausschließlich Leichenbestattung, in dem benachbarten Stratum dagegen auch Brandbestattung? Woher kommt die verhältnismäßig große Zahl der Bestattungen in dem kleinen bedeutungslosen Dorf?
Wie erklären sich die reichen und seltenen Grabbeilagen?
Aus dem 8. Jahrhundert finden sich in Gelleper Gräbern nur noch vereinzelt Grabbeilagen. Das sich immer stärker durchsetzende Christentum beseitigt diese Sitte.
 

Nun sind wir nahe an der Zeit, in der schriftliche Urkunden zu reden beginnen. Das älteste bekannte Dokument, dass mit großer Wahrscheinlichkeit mit Gellep in Verbindung gebracht werden kann, stammt aus dem Jahr 732. Es handelt sich um das Testament der Gründerin des Klosters Pfalz bei Trier, Adela. Sie vermachte dem Kloster Höfe in „Botbergis“ und „Beslanc“. Lange wurden diese Orte in der Eifel bzw. in Luxemburg vermutet, bis neuste historische und namenkundliche Forschungen sie als Hohenbudberg und Lank identifizierten. Im Testament Adelas werden beide Orte als „in pago que dicitur Gildegavia“ , also in einem Gau liegend, beschrieben. Gellep wäre damit der namengebende Hauptort eines fränkischen Gaues. Alle bis heute gemachten Ausgrabungen passen ausgezeichnet zu dieser Aussage. Adela hatte die Höfe in Gellep von ihrer Schwester erworben. Diese Schwester hatte sie vom Vater, dem fränkischen Seneschall Hugobert, geerbt. Eine dritte Tochter Hugoberts, Plektrudis, die Gemahlin Pippins d. II, hatte ebenfalls ein Erbteil im Gellep-Gau. Sie veranlasste ihren Gemahl dazu, dem alternden Mönch Suitbert einen Platz zu schenken, an dem er ein Kloster gründen konnte. Pippin überließ ihm eine Rheininsel, dass heutige Kaiserswerth.
Wie groß das Gellep-Gau genau war, ist nicht bekannt. Es bleibt also festzuhalten, dass Angehörige des merowingischen Königshauses im 8. Jahrhundert im Gellep-Gau Besitz hatten. Eine weitere Benennung von Gellep stammt aus dem Jahre 904. König Ludwig IV. überlies seinem Verwandten Konrad, Abt des Klosters des hl. Suitbert in Kaiserswerth, bestimmte Kirchen und Ortschaften. Darunter befand sich auch eine „cellula in Geldapa“. Diese „Cellula“ war möglicherweise eine kleine Mönchsniederlassung, die nicht lange bestanden hat. Von einer Kirche für Gellep ist in dieser und in allen späteren Kaiserswerther Urkunden nicht die Rede. Bereits zum Beginn des 10. Jahrhunderts, so müssen wir heute annehmen, war Gellep völlig bedeutungslos geworden.
Zum Ende des 14. Jahrhunderts kamen Gellep und Stratum endgültig an Kurköln. Davor war der Besitz eine Zeit lang zwischen Köln und Cleve strittig. Bis zum Beginn der preußischen Herrschaft 1815 war die Geschichte von Gellep-Stratum mit der Geschichte des kurkölnischen Amtes Linn bzw. des Doppelamtes Linn-Uerdingen verknüpft.

Quellennachweis:
Römer und Franken in Gellep, Dr. Renate Pirling
Festschrift 1900 Jahrfeier Gellep, Dr. Dr. h.c. Albert Steeger